Die Linsen von Castelluccio

 

Klapi Die Linse (Lens culinaris), auch Küchenlinse genannt, ist ein Schmetterlingsblütler und kommt als Hülsenfrucht auf unsere Teller. Soweit so gut und weder neu noch spektakulär! Warum also soll sie Gegenstand sein eines Blogs auf einer Naturfoto-Plattform? Mit ihr verbunden ist die dramatische Geschichte eines (nicht mehr) vergessenen Spots irgendwo in den Sibillinischen Bergen im Südosten Umbriens.

 

 Vorbereitete Anbauflächen für das Wachstum der Linsenpflanzen

 

Naturfotografen haben meist ihre Vorlieben, was die Abbildungsobjekte betrifft. Viele spezialisieren sich auf Landschaftsfotografie, andere auf Makro, Vögel oder andere Tiere. Eine weitere Riege sucht die 'Nature as Art'. Viele beteuern, ohne jeden Einfluss auf den natürlichen Rahmen fotografisch aktiv zu sein. Andere machen  keinen Hehl daraus, dass sie Naturfotografie als Outdoor-Studio-Produktion verstehen.

 

Was uns betrifft, so versuchen wir uns bei allem, was uns in der Natur zu faszinieren vermag. Und so kommt man immer wieder mit neuen Kolleginnen und Kollegen zusammen, tauscht sich aus, übt sich im Understatement ohne aber zu vergessen, auf eigene Produktionen hinzuweisen. Mit Standorten ganz seltener oder aussergewöhnlicher Objekte, wenn sie denn nicht schon abertausendfach abgelichtet wurden und ohnehin längst bekannt sind, wird ebenfalls gerne kokettiert.

 

Gerne aber teilen wir den Grund, weshalb es uns die Linsen von Castelluccio angetan haben. Es ist ein sibyllinischer, aber nicht sibyllinisch formuliert...

 

 

 

 

Blüte einer einzelnen Erbse; auch sie kommt in der Hochebene vor!


Dunkle Wolken über Castelluccio: 90% der Häuser wurden durch ein Erdbeben zerstört, der Schaden ist noch immer allgegenwärtig 

 Die Hochebene von Castelluccio als Inspiration auch für Aquarell-Malerei; warum nicht? Unser Freund Mark Meier schlug ein!

 

 

 

Es ist Februar 2009. Eine Schar Nordlicht-Faszinierte ist Dionys nach Tromsö in Nordnorwegen gefolgt. Dieses phänomenale Schauspiel wollte man nicht nur erleben, sondern auch reizvoll ablichten können.

 

Unter den Teilnehmern war auch Roland, ein weitgereister Profi-Landschaftsfotograf aus der Ostschweiz. Er hatte uns damals überrascht, als er meinte, als nächstes möchte er mal Kamtschatka bereisen. Heute, zehn Jahre später, schiessen dort die Angebote aus dem Boden. Damals war dem aber nicht so. Er schien also jeweils etwas weiter zu suchen, als die meisten Anderen.

 

So notierten wir seine Koordinaten und blieben in ganz flüchtigem Kontakt mit ihm. Vor wenigen Jahren überraschte er uns erneut, als er uns verriet, er würde demnächst mal nach Italien in die Sibyllinischen Berge fahren. Es würde dort ein riesiges, topfebenes Hochplateau geben, wo die Bauern Linse anbauen würden. Unterschiedliche Linsensorten bzw. unter-schiedliche Wachstumsstadien der Linsen würden sich dann, allenfalls in Kombination mit Mohn oder Kornblumen,  zu einer bunten Fleckenlandschaft entwickeln. Davon hatten wir noch nie etwas gehört, aber wir wurden sofort hellhörig...

 


 Mark Meier, Luzern, machte seine Skizzen inklusive Farbkompositionen im Felde, vollzog aber das Finish in einem 'Agriturismo' von Norcia.

 

'Zona Rossa'

Die Winde bliesen auf der Hochebene mit bis zu 80 km/h, was gegenüber der harten Jahreszeit mit Winden jenseits der 200 km/h Grenze zwar relativ bescheiden tönt, absolut aber eine ab-schliessende Arbeit draussen ohne Schutz kaum zuliess.
 
Unterstände waren auch nicht verfügbar, denn überall traf man auf eine 'Zona Rossa', weil das Begehen des Terrains  aufgrund der allgegen-wärtigen Erdbebenschäden für die Öffentlichkeit noch immer zu gefährlich ist...

 


 Die Sibyllinischen Berge mit der Hochebene von Castelluccio

Ein Landschaftsfotografen-Eldorado für ein bis zwei Wochen pro Jahr. Bei uns hat das Timing leider nicht gestimmt. Ab den Sommerferien tummeln sich in der Gegend auch zahllose Gleitschirm-Piloten und Mountain-Biker.  

Es ist Sommer 2014. Eben sind Peter und Vreni, zwei Top-Sportler der Klasse 'Hawaii-Triathlon', aus einem zwei-wöchigen Bikerurlaub in den Abruzzen und in Umbrien zurückgekehrt. Beim Erzählen waren aber nicht die endlosen, herausfordernden Biker-Wege das Kernthema, sondern die 'unglaublichen Farbteppiche irgendwo da oben in den Sibyllinischen Bergen'. 

Das war nach Rolands Idee der zweite und entscheidende Anreiz, die Gegend mal selber zu erkunden. Nun, in der letzten Juniwoche 2018 war es dann soweit. Aufgrund der Erdbebenzerstörungen hausten wir in Norcia, eine Dreiviertel-Stunde von Castelluccio entfernt...

 

 

 

 

Auch für Bird-Watcher und Alpenflora-Freunde eine helle Freude. Steinschmätzer, Schwarzkehlchen, Bluthänflinge oder Wachteln sind nur einige der interessanten Arten.

 


 Mark Meier: 'Sibyllinischer Mohn'

Mohn und Kornblumen werden in einer Woche die Ebene dominieren;  jetzt sind sie erst in einigen Feldern am Aufblühen...

Der nordwestliche Ausgang aus der Hochebene führt durch den Nationalpark nach Visso, ist aber leider noch immer gesperrt...

Der östliche Ausgang aus der Ebene von Castelluccio

Das Hochplateau bietet zur Zeit begrenzte Möglichkeiten. Wir verlassen es ostwärts mit dem Ziel Monte Sibilla, d.h. vor allem das 'Rifugio Sibilla' und von dort aus die sibyllinische Grotte.

 

Die bis fast 2500 m hohen Monti Sibillini (Berge der Sibyllen) mit ihren Schluchten, markanten Felsgipfeln, kahlen Hängen und weiten Hochebenen bilden ohne Zweifel den landschaft-lichen Höhepunkt Umbriens und der Marken. Die Täler sind grünes Hügelland mit von Obstbäumen durchsetzten Wiesen, Getreidefeldern und Weinbergen.

 

Jahrhunderte lang glaubten die Menschen, dass diese unzugängliche und raue Bergregion von Feen, Dämonen, Hexen und Sagengestalten bewohnt wäre. Die zehn Sibyllen (Achtung, nicht: „Sybillen“) waren dem Mythos nach Seherinnen und weise Frauen, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Prophetinnen unaufgefordert die Zukunft weissagten. Ihre Prophezeiungen waren rätselhaft und doppeldeutig und in einem Zustand von unwillentlich und unkontrolliert auftretenden Ekstasen geäußert. Michelangelo malte fünf der Sibyllen an die Decke der Sixtinischen Kapelle.

 

Der Sage nach lebte in einer Grotte nahe dem heutigen Monte Sibilla die apenninische Sibylle, eine Gestalt aus der römischen Mythologie, die vor dem Eingang dieser Grotte die Zukunft vorhersagte und deshalb viele Rat suchende Menschen anzog. Heute noch ist es wegen der Steilheit und Unzugänglichkeit des Ge­län­des äußerst schwierig, ins Innere der Grotte zu ge­langen.


Zerstörte Strassen zwingen zu einem Umweg über Acquasante Terme; Im ersten Dorf am Weg, Pretare, ist dieses Bild repräsentativ

Monte Sibilla (Standort),  apennine Landschaft und  Montemonaco 

Über die notwendigen Umwege erreichen wir Monte-monaco von wo der steile Anstieg hinauf zum Monte Sibilla beginnt. Bei der nächsten Verzweigung müssen wir uns vom guten Weg, der nach Isola San Biagio führen würde, verabschieden. Wir wollen hoch zum Refugio Sibilla und zur Grotte. Zwei, drei Kehren vor dem Ziel lassen wir unser Allrad-‚Tata-Mobil‘ stehen und gehen zu Fuss weiter. Das gestattet intensivere Blicke auf die interessante Flora und Entomo-Fauna.

 

Wir müssen schliesslich zur Kenntnis nehmen, dass das Refugio wegen noch immer defektem Dach nicht geöffnet ist und somit auch der Zugang zur Grotte verwehrt bleibt. Wir schaffen es gerade noch zurück zum Fahrzeug, bevor uns die schwarze Decke über den apenninen Hügeln in Form eines ausgewachsenen Platzregens auf den Kopf fällt. Zurück in Norcia, der Geburtsstätte von Klostergründer Benedictus, finden wir doch noch ein Ristorante, das uns mit typischen lokalen Speisen auf feinste Art verwöhnt. Was für die Schweiz 'Riccola' ist, sind hier für die Region Norcia die Produkte des Cinghiale (Wildschwein) wie beispielsweise der Salami, das Ragù oder der Schinken.

 

Vom Parkplatz im Zentrum führt der Weg dorthin aber wieder vorbei an Zeugen der katastrophalen Erdbeben im August und, hier vor allem, im November 2016. Bei der Grossen Kirche steht gerade noch die Westfassade. Sie ist der älteste und einzige noch einigermassen intakte Teil des Sakralbaus. Sogar die filigrane Rosette mit dem

 

Westfassade der Kirche San Benedetto, Norcia

Lädierter Turm des unmittelbar benachbarten Gemeindehauses

bemalten Glas ist unversehrt. Durch sie geben die Strahlen der Abendsonne etwas Farbe in die Tristesse.


Mark Meier: 'Sibyllischer Horizont'

Ein letzter Eindruck von

 

 

 

 

Castelluccio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bedrohich, stürmisch, geheimnisvoll...